Spruchgesang der Schicksalsweberin zur Tag – und Nachtgleiche

Spruchgesang der Schicksalsweberin zur Tag- und Nachtgleiche

Vom heiligen Ausgleich

Höre und schweige, weise Frau.

Ein Wort wird gewoben.
Ein Faden wird sichtbar.
Ein Muster offenbart sich.

Was verborgen war,
sucht Erkenntnis.
Was verworren ist,
sucht Ordnung.

So hebt an
der Spruchgesang
der Schicksalsweberin.

Höre, weise Frau,
was die Sonne spricht,
wenn Tag und Nacht
einander die Waage halten.

Kein Tag steigt ewig.
Keine Nacht währt endlos.
Was wächst, neigt sich.
Was sinkt, bereitet Aufstieg.

Wer nur das Licht begehrt,
verkennt den Schoß der Nacht.
Wer nur die Dunkelheit nährt,
vergisst das Feuer der Seele.

Wisse:
Nicht im Einen allein
wohnt Wahrheit,
sondern im Maß
zwischen den Kräften.

Zu viel Feuer
verzehrt das Herz.
Zu viel Wasser
erstickt die Glut.

Zu viel Last
beugt den Rücken.
Zu viel Leere
entwurzelt den Geist.

Darum webt das Schicksal
mit ausgleichender Hand.
Es nimmt, wo Übermaß herrscht.
Es gibt, wo Mangel wohnt.

Klage nicht immer
über Wendungen des Loses.
Manches, das genommen wird,
rettet das Maß.

Manches, das zerbricht,
war längst ohne Ordnung.
Manches, das endet,
dient der Wiederkehr.

Steig hinab, weise Frau,
in deinen Seelenkern.
Dort wohnt keine Spaltung.
Dort streitet kein Gegenpol.

Im innersten Brunnen
ruht deine Essenz —
ungeboren, unversehrt,
dem Schicksal voraus.

Wer aus dieser Mitte lebt,
ringt nicht mit den Polen.
Sie lässt sie kreisen
im heiligen Gleichgewicht.

So lerne von der Sonne:
In der Gleichheit
offenbart sich Ordnung.

Im Ausgleich
erkennt die Seele ihr Maß.

Und wer sein Maß erkennt,
verfehlt den Weg nicht.

Das ist die Weisheit
der alten Frauen.
Bewahre sie.
Lebe sie.
Werde sie.

So spricht die Schicksalsweberin.

Hüte das Wort.
Hüte den Faden.
Hüte das erkannte Muster.

Denn was die Seele erkennt,
beginnt sich zu wandeln.

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