Schamanentrommelei, 03.07.2026

Ich folge dem Ruf der Ahnen,
ich folge ihre Bitte zu trommeln,
dem Wispern, dem Flüstern, dem Raunen.
Erst leise nur, kaum hörbar,
wie ein Hauch zwischen den Welten —
doch das Gemurmel wird stärker,
wird voller, dichter, dringlicher,
bis es mir den Weg weist
in die Aue,
in die Elbtalaue.
Ich lasse mich führen
zu einem winzig kleinen Zugang zur Elbe,
verborgen im Schilf,
umrahmt von wilden Blumen,
bewohnt von Rehen
und den stillen Wesen des Wassers.
Ich nehme die Trommel.
Ich beginne zu schlagen.
Langsam.
Ruhig.
Schlag um Schlag.
Bis nicht mehr ich die Trommel spiele,
sondern die Trommel mich.
Sie nimmt mich.
Sie trägt mich.
Sie ruft mich tiefer.
Der Wind trommelt mich.
Das Wasser trommelt mich.
Die Erde trommelt mich in ihre Tiefe.
Die Luft trommelt mich in ihre Weite.
Ich stehe.
Und zugleich falle ich.
Hinab.
Hinein.
Dorthin, wo Wahrnehmung sich wandelt.
Ich gleite in Trance.
O Elbe —
nicht Fluss allein zum großen Meer.
Nicht Stillstand.
Nicht Quelle.
Mehr.
Viel mehr.
Ein uraltes Wesen.
Eine Erinnerung aus Wasser.
Die Wassergeister sammeln sich.
Sie bilden einen Kreis.
Sie tanzen.
Erst um mich.
Dann mit mir.
Dann gibt es kein Um mich mehr.
Ich bin Wasser.
Ich bin Bewegung.
Ich bin Tanz.
Ein Fisch springt aus dem Wasser,
als hätte der Trommelschlag ihn erhoben,
emporgehoben aus seinem Element.
Für einen Augenblick
schaut er mich an.
Dann verschwindet er wieder
in den Tiefen.
Das Trommeln wird größer.
Weiter.
Grenzenlos.
Es vereinnahmt mich.
Ich löse mich auf.
Ich bin nicht mehr.
Und wieder einmal ist mir bewusst:
Schamanen sind nicht.
Sie werden.
Immer wieder.
Sie bringen sich neu zur Existenz,
Form aus Formlosigkeit,
Klang aus Stille,
Sein aus Nichtsein.
Und wieder lösen sie sich auf
im All-Einen.
Langsam
kommt die Trommel zur Ruhe.
Doch in mir klingt sie weiter.
Ich verweile
im außergewöhnlichen Bewusstseinszustand,
zwischen den Welten,
zwischen Atemzügen,
zwischen den Schlägen.
Dann gehe ich hinauf
auf die Auenwiese.
Ein Reh springt bellend aus dem Dickicht,
leicht, wach, lebendig —
als würde auch tanzen.
Über mir kreisen Schwalben,
ziehen Spiralen in den Himmel,
als wollten sie mir zeigen:
Die Trommel hat ihnen ein Lied gesungen.
Und sie antworten mit Tanz.
Ein Tanz aus Freude.
Aus Glück.
Aus Lebenskraft.
Und plötzlich wird es klar:
Wie kostbar die Natur ist.
Wie heilig.
Wie lebendig.
Die Natur, die mich trägt.
Die Natur, die durch mich atmet.
Die Natur, die ich bin.
Die Natur, die wir alle sind.
